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d dem Berliner Soziologen Andrej Holm von der Humboldt-Universität wurde vorgeworfen, ein Terrorist zu sein, weil sich Begriffe wie «Gentrifizierung» in Bekennerschreiben mit denen in Holms Publikationen deckten. Holm wurde daraufhin fast ein Jahr überwacht, bevor er in Untersuchungshaft kam. In beiden Fällen stellte sich der Verdacht als unbegründet heraus. Zu spät: Der Schaden war da, der Ruf angeschlagen, Familienbande gerissen, die Wohnung verwüstet, und er wurde inhaftiert.kkk

Holms Lebensgefährtin Anne Roth hat danach mehrfach beschrieben, wie es sich anfühlt, über einen längeren Zeitraum hinweg überwacht zu werden. Wer das liest, bekommt eine Ahnung davon, wie beklemmend es sein muss, ständig eine Stimme im Kopf zu haben, die einen mahnt, etwas nicht zu tun, um nicht in Verdacht zu geraten. Etwa am Telefon keine Witze reissen. «Menschen verhalten sich anders, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden», schreibt sie 2011 in «Der Freitag». Wer etwas anderes behaupte, stelle sich morgens beim Aufstehen eine Kamera vor, die das live ins Internet überträgt.Forschung ist zudem bekannt, dass jemand, der überwacht wird und das weiss, Unsicherheit entwickelt. Dann entsteht die Bereitschaft, das Verhalten anzupassen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob eine wahrgenommene Überwachung tatsächlich stattfindet oder ob jemand nur davon ausgeht.

Weniger dramatisch sieht das Francisco Klauser, Professor am Geografischen Institut der Universität Neuenburg, der sich mit den Auswirkungen von Videoüberwachung in öffentlichen Räumen auseinandersetzt. «Unsere Forschung hat gezeigt, dass die Überwachung weniger mit den Leuten macht, als man denkt», sagt er. Zuerst sei das Bewusstsein für die Kameras gross, «dann werden sie vergessen».

Ob Textanalyse geeignet ist, um Terroristen aufzuspüren, ist umstritten. Es seien kaum Fälle bekannt, bei denen sie entscheidend waren, sagt Linguist Bubenhofer. Ob sie verantwortbar sind, müsse politisch entschieden werden: «Aber dafür ist es nötig, dass die Menschen für das Thema sensibilisiert sind. Di

 

"... Letz­ten Don­ners­tag reich­ten Ver­tre­ter des Bünd­nis­ses ge­gen den Schnüf­fel­staat 66 953 ge­sam­mel­te Un­ter­schrif­ten in der Staats­kanz­lei ein. (...) Die Ri­si­ken sol­cher text­ba­sier­ter Mas­sen­über­wa­chung  (...) hat der Zür­cher Com­pu­ter­lin­gu­ist Hern­ani Mar­ques in sei­ner Mas­ter­ar­beit un­ter­sucht. Da­zu si­mu­lier­te [er] das Vor­ge­hen von Ge­heim­diens­ten. Wäh­rend zehn Ta­gen zeich­ne­te er sei­nen Surf­ver­kehr und den sei­ner Freun­din auf und scann­te ihn mit com­pu­ter­lin­gu­is­ti­schen Me­tho­den. Aus­ge­hend von Web­sites [wurden] so­ge­nann­te Se­lek­to­ren de­fi­niert – Rei­hen aus bis zu zehn Wör­tern. (...)

Das Re­sul­tat von Mar­ques’ Ex­pe­ri­ment: Gut ein Drit­tel der über 700 von ihm und sei­ner Freun­din auf­ge­ru­fe­nen Sei­ten sind durch die Se­lek­to­ren als ver­däch­tig ge­kenn­zeich­net wor­den, ob­schon es sich bei den In­hal­ten bis auf zwei Aus­nah­men um Pres­se­ar­ti­kel und wis­sen­schaft­li­che Tex­te ge­han­delt ha­be. (...)

Sol­che Ver­fah­ren des «Text Mi­ning» ar­bei­ten im­mer mit sta­tis­ti­schen Mo­del­len und wer­den durch Trai­ning im­mer bes­ser, kön­nen aber nie ei­ne si­che­re Aus­sa­ge ma­chen, son­dern nur Wahr­schein­lich­kei­ten an­ge­ben. (...)

Ob Text­ana­ly­se ge­eig­net ist, um Ter­ro­ris­ten auf­zu­spü­ren, ist um­strit­ten.

Si­mo­ne Lu­chet­ta

 

Quelle: http://www.sonntagszeitung.ch/read/sz_17_01_2016/gesellschaft/So-werden-Sie-zum-Terrorverdaechtigen-53736